Was viele vielleicht nicht wissen, in Deutschland sind laut Pflegestatistik rund 5 Millionen Personen pflegebedürftig. Da nicht alle Personen davon in Pflegeheimen leben, heißt das, es viele pflegende Angehörige gibt, die neben der Berufstätigkeit auch Pflegeverantwortung übernehmen. Mit dem demographischen Wandel wird diese Zahl stetig steigen, da die Bevölkerung zunehmend altert und immer mehr Menschen auf Pflege angewiesen sein werden. Bis 2030 wird die Zahl der Pflegebedürftigen nach Schätzungen des Wissenschaftliche Institut der PKV auf rund 6 Millionen Personen anwachsen.
Für Unternehmen bedeutet dies, dass die Zahl der Mitarbeitenden mit Pflegeverantwortung kontinuierlich wachsen wird und sie daher zunehmend vor die Herausforderung gestellt sind, diese Beschäftigten in einer Doppelbelastungssituation zu unterstützen. Ohne gezielte Angebote kann dies zu erhöhten Fehlzeiten, verringerter Produktivität, stärkerer Fluktuation und letztlich zu einer geringeren Arbeitgeberattraktivität führen.
Warum die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf so wichtig ist
Pflegeaufgaben lassen sich oft nicht gut planen, weil sie auf plötzlichen Bedarf, akute Krisen oder zeitlich unregelmäßige Abläufe treffen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die gleichzeitig einen Angehörigen pflegen, erleben häufig:
- körperliche und psychische Belastungen, weil sie viele Verpflichtungen gleichzeitig stemmen müssen,
- Einschränkungen ihrer Freizeit und ihres sozialen Lebens, weil Pflegearbeit oft mehr als 40 Stunden pro Woche beansprucht,
- berufliche Unsicherheit, wenn sie keine flexiblen Arbeitsmodelle nutzen können.
Eine sensible Personalpolitik kann dazu beitragen, diese Herausforderungen zu reduzieren und gleichzeitig die betriebliche Leistungsfähigkeit langfristig zu sichern.
1. Flexible Arbeitszeitmodelle als zentrale Unterstützung
Ein erster Schritt, um pflegende Mitarbeitende zu entlasten, ist die Einführung flexibler Arbeitszeitmodelle. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die berufliche Tätigkeiten und häusliche Pflege miteinander vereinbaren müssen, benötigen häufig die Möglichkeit, kurzfristig auf Pflegebedarf zu reagieren. Flexible Arbeitszeiten, reduzierte Wochenarbeitszeiten oder Gleitzeitmodelle helfen dabei, den Pflegealltag besser mit beruflichen Verpflichtungen in Einklang zu bringen.
Durch solche Modelle können Mitarbeitende beispielsweise ihre Arbeitszeit so anpassen, dass sie Arzttermine oder Pflegetätigkeiten am Vormittag wahrnehmen können, ohne dabei die gesetzliche Arbeitszeit zu überschreiten und persönliche Ansprüche zu verlieren.
2. Beratung & Orientierung für pflegende Mitarbeitende
Viele Angehörige, die erstmals in die Pflege eintreten, fühlen sich im „Pflegedschungel“ aus gesetzlichen Ansprüchen, Anträgen und Serviceangeboten verloren. Arbeitgeber können hier aktiv werden, indem sie beratende Angebote zur Pflegeorganisation bereitstellen. Dazu gehören:
- Informationsveranstaltungen zu gesetzlichen Ansprüchen wie Pflegezeit, Familienpflegezeit und Kurzzeitpflegefreistellung,
- interne oder externe Beratungsstunden, in denen Mitarbeitende Fragen zur Pflege, zu rechtlichen Rahmenbedingungen oder zur finanziellen Unterstützung stellen können,
- Kontaktvermittlung zu regionalen Beratungsstellen oder Pflege‑Netzwerken.
Solche Angebote geben Mitarbeitenden Sicherheit und fördern sowohl die emotionale Entlastung als auch die praktische Umsetzung der Vereinbarkeit.
3. Kommunikation öffnen und individuelle Lösungen ermöglichen
Ein häufiges Hindernis für Mitarbeitende in Pflegeverantwortung ist die Angst vor Stigmatisierung oder beruflichen Nachteilen, wenn sie über ihre Situation sprechen. Arbeitgeber können dem entgegenwirken, indem sie eine offene und wertschätzende Kommunikationskultur schaffen. Eine pflegesensible Führungskultur erkennt an, dass jede Pflegesituation individuell ist und unterschiedliche Unterstützung erfordert.
Führungskräfte sollten geschult werden, um:
- aktiv auf Mitarbeitende mit Pflegeaufgaben zuzugehen,
- Verständnis für Herausforderungen zu zeigen,
- gemeinsam mit den Betroffenen maßgeschneiderte Lösungen zu entwickeln,
- und keine pauschalen Annahmen über die Leistungsfähigkeit pflegender Mitarbeitender zu treffen.
4. Unterstützende Maßnahmen im Detail
Neben flexiblen Arbeitszeiten und Beratung kann der Arbeitgeber weitere Unterstützungsleistungen anbieten:
- Finanzielle Unterstützung – z. B. Zuschüsse zu Pflegekosten, bezahlte Sonderurlaubstage oder eine betriebliche Pflegeprämie,
- Netzwerke und Peer‑Gruppen – Austausch‑ und Selbsthilfegruppen für Beschäftigte mit Pflegeaufgaben,
- Notfallmanagement – interne Prozesse, die Mitarbeitenden in akuten Pflegesituationen helfen, kurzfristig Lösungen zu finden,
- Betriebliche Informationsmaterialien – Leitfäden, Checklisten und Entscheidungsbäume zur Pflegeorganisation.
Solche Maßnahmen erhöhen nicht nur die Zufriedenheit pflegender Mitarbeitender, sondern stärken auch die betriebliche Resilienz und Innovationsfähigkeit.
5. Mehr als nur ein Benefit: Pflegebewusste Personalpolitik als Wettbewerbsvorteil
Unternehmen, die die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege aktiv fördern, profitieren gleich mehrfach. Eine pflegebewusste Personalpolitik kann zu einer stärkeren Mitarbeiterbindung, einer höheren Arbeitgeberattraktivität und einer geringeren Fluktuation führen. Zusätzlich signalisiert eine solche Kultur potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern, dass der Arbeitgeber die vielfältigen Lebenswirklichkeiten seiner Mitarbeitenden anerkennt und unterstützt.
In einer alternden Gesellschaft, in der Pflegeaufgaben immer häufiger Teil des Lebens vieler Mitarbeitender werden, können Unternehmen, die frühzeitig handeln, nicht nur die Lebensqualität ihrer Beschäftigten verbessern, sondern auch ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern.
Fazit: Vereinbarkeit von Beruf und Pflege systematisch gestalten
Die Doppelbelastung durch Beruf und Pflege kann für Mitarbeitende erheblichen Druck erzeugen und zu gesundheitlichen und beruflichen Einschränkungen führen. Arbeitgeber haben die Möglichkeit, mit einer pflegesensiblen Personalpolitik, flexiblen Arbeitszeitmodellen, gezielter Beratung und einer offenen Kommunikationskultur echten Mehrwert zu schaffen.
Mit diesem ganzheitlichen Ansatz gelingt es, pflegende Mitarbeitende zu entlasten, die Leistungsfähigkeit im Unternehmen zu stärken und die Attraktivität als Arbeitgeber nachhaltig zu erhöhen.
Wenn Sie als Unternehmen Ihre Mitarbeitenden dabei unterstützen möchten, Beruf, Familie und Pflege gut zu vereinbaren, dann informieren Sie sich über unsere Beratungs‑ und Coachingangebote zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege – gemeinsam entwickeln wir passgenaue Maßnahmen für Ihr Team.
Photocredit: Jake Finnigan I unsplash
