Work & Family Interview Serie

Annika: Wie sieht bei Euch Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus?

Heute ist Annika bei mir in der Work & Family Interviewserie zu Gast. Annika ist zweifache Mutter und hat vor kurzem Lemontree Innovation gegründet – eine Beratungsagentur für innovative Personalentwicklung. Wie es dazu kam und welcher Weg sie dorthin geführt hat und wie sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf derzeit lebt, davon erzählt sie hier.

1. Erzähl doch mal, wer seid Ihr und wie viele?

Wir sind vier: Michael, Annika und unsere zwei Jungs (5 und 3)

2. Wie war denn Eure berufliche Situation bevor die Kinder auf die Welt gekommen sind? Was hat sich seitdem verändert?

Wir haben beide Vollzeit gearbeitet, Michael zu 75% bei einer kleinen Unternehmensberatung und zu 25% als Universitätsdozent. Ich habe im Personalbereich eines globalen Telekommunikationskonzernes als Strategie- und Kommunikationsverantwortliche gearbeitet.

3. Familien- und Arbeitsmodelle können völlig unterschiedlich sein. Wie ist das bei Euch? Wie viele Stunden arbeitet jeder von Euch pro Woche, um das Miteinander aus Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen?

Wir arbeiten beide etwa 25-30 Stunden pro Woche. Die Kinder werden für 35 Stunden im Kindergarten betreut. So ist immer noch ein bisschen Puffer, falls wir doch mal länger arbeiten müssen, oder ein Arzttermin ansteht. Das ist für alle sehr entspannt. Oder wir bereiten in der Pufferzeit schon das Abendessen vor, damit die Zeit, die wir mit den Kindern haben, ab 15:45 Uhr auch wirklich für die Familie da ist.

4. Wie teilt Ihr Euch als Eltern anfallende Aufgaben und Verantwortlichkeiten auf?

Wir sind nach Tagen aufgeteilt. Michael bringt und holt die Kinder an zwei Tagen komplett und macht auch in der Früh und am Abend alles, was ansteht, so dass ich an diesen Tagen Vollzeit arbeiten und Kundentermine wahrnehmen kann.

An einem Tag in der Woche bringt Michael morgens die Kinder in den Kindergarten und ich hole sie ab. An zwei Tagen mache ich dann alles. Grundsätzlich hat jeder feste Tage, die wir je nach Auftragslage und anstehenden Projekten tauschen.
Dadurch dass wir diese Pufferzeit haben, ist das auch kein Problem. Derjenige, der an einem bestimmten Tag „Dienst“ hat, macht dann auch alles, was ansteht: auf den Kindergeburtstag gehen (und ggf. noch das Geschenk besorgen), Arzttermine wahrnehmen, Haushalt, kochen, einkaufen, Nachmittagsprogramm arrangieren.

5. Räumt Ihr Euch auch regelmäßig Zeit für Eure persönlichen Bedürfnisse ein? Und wenn ja, wie gelingt Euch das?

Im Prinzip unternehmen wir einmal pro Woche etwas zusammen. Wichtig: es gibt dabei keine Regeln, weder worüber wir sprechen oder nicht sprechen dürfen/sollen, noch, was wir unternehmen. Wenn einer von uns mal beruflich sehr eingespannt ist, ist es auch OK, den gemeinsamen Termin ausfallen zu lassen.

Letztes Jahr haben wir gemeinsam an einem Volkstriathlon und an einem Stadtlauf teilgenommen, da hatten wir ein Vorhaben, auf das wir gemeinsam trainiert haben.

6. Solange der Tag läuft wie geplant ist alles gut. Doch was passiert, wenn ein unvorhergesehenes Ereignis eintritt (Krankheitsfall etc.). Habt Ihr dafür ein Notfallnetzwerk?

Nein. Gerade wenn die Kinder krank sind, möchten wir niemandem anders zumuten, die Kinder abzuholen, damit er sich nicht ansteckt. In der Regel erledigt derjenige, der an dem Tag dran ist, alles und muss sich arrangieren.

7. Was würdet Ihr sagen ist aktuell die größte Herausforderung bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Die größte Herausforderung ist, dass man sich überschätzt und zu viel gleichzeitig möchte: viel Zeit mit den Kindern, viel Zeit für die Arbeit und Zeit für sich als Individuum und Paar.
Die Idee der Vereinbarkeit von Beruf und Familie steht in Deutschland nach wie vor im Konflikt mit vielen Unternehmenskulturen: verantwortungsvolle Arbeit wird mit viel Arbeit und ständiger Erreichbarkeit gleichgesetzt, so dass man als Arbeitnehmer nie wirklich abschaltet.

Ein gesundes Familienleben erfordert aber Präsenz der Eltern. Kinder merken sehr schnell, wenn man im Alltag nicht wirklich für sie da ist, sondern die Gedanken um berufliche Themen kreisen – da helfen auch ein paar Stunden „Quality Time“ am Wochenende nichts.

8. Womit habt Ihr so gar nicht gerechnet bevor Ihr Eltern geworden seid?

• Dass die Kinder die besten Geduldscoaches sind, die man sich vorstellen kann.
• Dass eine Elternzeit die beste persönliche Weiterentwicklung ist, die es gibt, da kann kein Coaching auf dieser Welt mithalten.
• Dass einem die Kinder einen so neuen und anderen Sinn im Leben geben, dass man sein komplettes Leben umplant und neu denkt.

9. Hast Du irgendwelche Tipps, Impulse, Tools oder Apps, die Du anderen berufstätigen Eltern mitgeben kannst, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser zu organisieren?

Wir können nur jedem raten, nicht Vollzeit zu arbeiten. Es ist so nett, wenn die Kinder einen sehr guten und vertrauten Bezug zu beiden Elternteilen haben. Nicht in jeder Familie ist eine Teilzeitregelung mit 50% möglich, aber vielleicht kann man ja 70 oder 80% arbeiten. In Teilzeit lässt sich auch in der Arbeit sehr viel erledigen. Übrigens: immer mehr innovative Unternehmen haben das schon verstanden; das klassische Modell der Vollzeitarbeit gilt dort nicht mehr als Standard.

10. Wenn Du Dir etwas wünschen könntest, was müsste sich ändern, um das Miteinander aus Job und Kindern noch besser hinzubekommen?

Dass mehr Paare ein gleichberechtigtes Modell leben und dadurch viele Klischees, die es nach wie vor gibt, wie z.B. das Klischee der sogenannten Teilzeitmami, abgebaut werden. Dafür müssen vor allem die Männer über ihren Schatten springen. Sie können zum Beispiel eine echte Elternzeit machen – keinen zweimonatigen Familienurlaub –, oder selbstverständlich in Teilzeit arbeiten. Zu viele sagen: „das geht aber in meinem Unternehmen / meiner Position nicht“. Mutige Vorbilder können helfen, Firmenkulturen zu verändern und Akzeptanz für moderne Teilzeitmodelle (z.B. Job Sharing) schaffen.

 


 

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Photocredit: Annika Härtel

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